Ich bleibe ruhig

Ich bleibe ruhig, wenn du auf dem Bett Purzelbäume schlägst. Denn du machst es nicht, weil du mich ärgern willst, sondern weil du versuchst, deinen außer Kontrolle geratenen Körper mit dir selbst in Einklang zu bringen.

Ich bleibe ruhig neben der Toilettentür stehen, wenn du mal musst und gehe mit dir um das Haus herum und manchmal sogar nur ans andere Ende des Zimmers. Denn ich weiß, dass du richtig Angst bekommen kannst, wenn ich nicht bei dir bin.

Ich bleibe ruhig, wenn wir an der Kasse im Supermarkt stehen und jeder dich anstarrt, weil du wie ein Hund bellst und Himbeeren auf meinen Arm streust, um mit den surrenden Lichtern fertig zu werden.

Ich bleibe ruhig, während du dem verblüfften Verkäufer erklärst, dass du gerne Schuhe hättest, die hart sind wie Holz, da deine Haut nichts Weiches verträgt.

Ich bleibe ruhig, wenn die WC-Aufsicht uns verächtliche Blicke zuwirft, nachdem ich nach dem Schlüssel für die Behindertentoilette gefragt habe. Der Lärm des Händetrockners war einfach zu viel für dich.

Ich bleibe ruhig, wenn mir die freundliche alte Dame von gegenüber sagt, du wärst sicherlich anders, wenn du Geschwister hättest.

Ich bleibe ruhig, wenn ich zusehe, wie das halb fertige Abendessen die Toilette runtergespült wird, weil der Geruch für dich unerträglich war.

Ich bleibe ruhig, während du dir sorgfältig die Zähne putzt, obwohl es sich für dich anfühlt, als würde die Zahnpasta dich verbrennen.

Ich bleibe ruhig, wenn du mich anschreist und versuchst, die Panik in dir zu bändigen, weil ich dich beim Bürsten deiner Haare leicht am Kopf berührt habe.

Ich bleibe ruhig, wenn mir deine Lehrerin erzählt, sie wüsste etwas über Autismus und könne feststellen, dass du nicht autistisch bist und mich fragt, was ich von einem Elternkurs halten würde.

Ich bleibe ruhig, wenn der Hausarzt, der Ergotherapeut und der Kinderarzt einstimmig feststellen, wie schlimm die Situation ist, aber dass keine Ressourcen zur Verfügung stünden, um uns weitergehend zu unterstützen.

Ich bleibe ruhig, wenn du weinst, weil deine Freunde zu dir gesagt haben, du könntest nicht mehr mit ihnen spielen, denn du hättest einmal zu oft versucht, die Regeln zu ändern. Dabei hattest du nur versucht, mit dem Spiel zurechtzukommen.

Ich bleibe ruhig, wenn ich zusehe, wie du verzweifelt unzählige Kleidungsstücke anprobierst, die Schränke durchwühlst und die Materialien abtastest. Dabei ahne ich schon, dass wir deine geliebte Reitstunde absagen werden müssen, weil sich für dich alle Kleider schrecklich anfühlen.

Ich bleibe ruhig, wenn du mir erklärst, dass du zu keinen Geburtstagsfeiern mehr gehen kannst, weil dir Menschen zu viel Angst machen, wenn sie aufgeregt sind.

Ich bleibe ruhig, wenn meine Familie mir sagt, dass du daraus herauswachsen wirst; du bräuchtest einfach mehr Routine und müsstest früher ins Bett gehen.

Ich bleibe ruhig und zerbreche mir den Kopf darüber, was ich dir noch zu essen geben kann, da du von Allem würgen und brechen musst, bis deine Augen tränen.

Ich bleibe ruhig, wenn eine alte Freundin vorschlägt, ich würde besser daran tun, dich in die Ecke zu schicken und dir ein geliebtes Spielzeug wegzunehmen.

Ich bleibe die ganze Nacht lang ruhig sitzen, wenn du mit dem Kopf auf meinem Schoß auf dem kalten Parkettboden schläfst wenn du krank bist. In deinem warmen, weichen Bett, in dem es für dich bequem sein sollte, geht es dir nämlich nur noch schlechter.

Ich bleibe ruhig, wenn du während eines Anfalls versuchst, irgendwie die Kontrolle über deinen Körper zurückzugewinnen, verängstigt bist, schluchzt und dich windest und dich immer fester und fester dabei schlägst und auch mich anflehst, dich so fest wie möglich zu schlagen.

Ich bleibe ruhig mit dem Rücken zu dir liegen, weil dir von meinem Geruch schlecht wird und obwohl wir beide das dringende Bedürfnis haben, zu kuscheln, geht es einfach nicht.

Ich bleibe ruhig, wenn du mir sagst, dass du auf die falsche Weise besonders und auf die falsche Weise anders bist und dass du am liebsten sterben würdest.

 

With many thanks to Franziska Dörre xxx

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